Studienurlaub im Libanon- Woche 1
Tagebuch ab 23.09.2007 über den Aufenthalt in Beirut an der Near East School of Theology Ich bin eben mal nicht da... Anmerkung:(Die folgenden Zeilen und Bilder sind auch all denen gewidmet, die einmal nicht da sein wollen, es aber aus den verschiedensten Gründen es nicht können, weil zum Beispiel der Hamster wieder einmal Schnupfen hat …)
Ich möchte mich bei der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und allen Menschen, herzlich bedanken, das sie es mir ermöglicht haben, einmal für einen längeren Zeitraum gehen zu dürfen.)
Nicht nur Hape Kerkeling, auch ich bin mal nicht da...
In Anspielung auf den Buchtitel von Hape Kerkeling sind neben mir noch vier weitere Pfarrer aus der Landeskirche, es sind dies: Bernd Apel aus Gießen, Andreas Götze aus Jürgesheim, Reinhard Failing aus Biedenkopf, Kurt Johann aus Gedern, nicht da, um ihren normalen Dienstverpflichtungen nachzugehen, sondern sie nehmen an einem Studienprojekt mit dem thematischen Schwerpunkt: Interreligiöser Dialog teil.An der Near East School of Theology in Beirut/ Libanon (Im weiteren Verlauf meines Berichts werde ich die Abkürzung „NEST“ gebrauchen) erlangen wir in einem verkürzten Studiensemester in theoretischen wie auch in praktischen Exkursen einen Einblick in den Sachverhalt des Zusammen-lebens von Menschen mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit. Während dreier Vorbe-reitungstreffen wurde die Reisegruppe auf den dreimonatigen Aufenthalt vorbereitet. Als Leitfaden dienten dabei auch die Erfahrungen einer Vorgängergruppe, die bereits vor zwei Jahren dieses Studienprogramm absolviert hat. Sonntag, 23. September Der Alptraum, nicht nur für Frauen Am Sonntag den letzten Gottesdienst vor der Abreise in Hirschhausen. Beim anschließenden Kirchen-kaffee ein herzliches "Auf Wiedersehen", letzte Verabredungen mit den Kirchenvorstehern für den Dienstbetrieb während meiner Abwesenheit. Ich habe noch 5 Stunden Zeit den Koffer zu packen, und weil das nicht ganz so einfach ist, wenn man 3 Monate vom heimischen Kleiderschrank entfernt leben muss, habe ich das Packen ziemlich hinaus gezögert. Nun heißt es aber Farbe zu bekennen, die Guten ins Töpfchen, die schlechten bei da…
Eine Woche Badeurlaub in Ägypten, vielmehr als eine Badehose braucht man dann nicht!!?? Aber Bekleidung für 11 Wochen in einem Koffer unterzubringen? Ich gebe ja zu, auch zu Hause trage ich schon einmal eine Jeans mehr als einmal… 20 Kilo Reisegepäck sind zulässig, zusätzlich Handgepäck, bestehend aus einem Laptop und einem Rucksack/Tasche waren erlaubt.
Im Gottesdienst am Nachmittag wird Pfarrer Kramm von 30 Kilo sprechen, von dieser Sekund an saß ich viel gelöster im Gottesdienst. Wie sich kurze Zeit später herausstellte war es eine Fehlinformation, leider… Wie ich finde, gehört der Abschied vom heimischen Kleiderschrank zu den schlimmsten, und sollte eigentlich von einem Seelsorger begleitet werden.
Eines war mir bereits einer Woche vor der Abreise klar, komme, was da wolle, die Bikerweste kommt mit. Diese hatte ich von den Motorrafreunden aus Hirschhausen, den „Pässeknackern“ aus bei der Bikersaison-Abschlussfahrt am 16.09. geschenkt bekommen habe, die musste auf jeden Fall mit, eher hätte ich auf meinen Rasierschaum und Nassrasierer verzichtet und wäre mit einem Dreimonatsbart heimgekehrt, hätte selbst die Probleme bei der Einreise in Deutschland wegen meiner Unerkennbarkeit in Kauf genommen.
Vielleicht werden sie sich fragen, warum erzählt der das alles?
Ich tue es, weil ich mich ihres Mitgefühls versichert sein will: Kurzum der Koffer war voll, übervoll. Wie schwer sind 20 Kilo? 20 Tüten Mehl werden sie sagen, 40 Pakete Kaffee, 160 Joghurt Becher a 125g, wie schwer sind aber eine Bikerweste mit einem großen Emblem, darauf abgebildet massives, massiges Felsgestein, die Alpen, und 12 Paar Socken, 4 Jeans, ein schwarzer Anzug, 3 so genante Priesterhemden.
Die heimische Personenwaage war zu klein und das Wiegehäuschen in Kubach an der Hauptstrasse geschlossen, so fuhr ich in der Ungewissheit. Seit diesem Tag kann ich auch schwangere Frauen versprechen, es ist diese Ungewissheit. Mir blieb also nichts anderes übrig als das Gewicht zu schätzen und es war eine wichtige Schätzung, sollte sie doch den Grundstein für meine Lebensqualität für die nächsten drei Monate in einem Land im Nahen Osten sein, und sie hatte ähnliche Konsequenzen wie die, von der sie zu Weihnachten von mir im Gottesdienst hören werden… und ich schätzte, dass die Kosmetika dem Koffer das Übergewicht verleihen würden, sie wurden entnommen und im Rucksack verstaut. Der Abschied Abschiednehmen ist nie leicht, ich denke, sie wissen alle, wovon ich spreche. Abschied gar für drei Monate zu neben, war jemand schon einmal drei Monate weg, ist unvorstellbar, unplanbar, unvorhersehbar. Drei Monate ohne die Liebsten, ohne Auto, ohne Motorrad, ohne Fernsehen (deutschsprachiges), drei Monate ohne Ahle Wurst, ohne Gouda Käse....
Sich zu verabschieden in eine Region, in ein Krisengebiet in der schon übermorgen ein Bürgerkrieg toben kann?
Bekannte, Glieder der Gemeinden aus Kubach und Hirschhausen fragten nach dem Warum? Ihre Blicke sprechen eine deutlichere Sprache, in der Weise wie: Normal bist du doch nicht? Geht’s dir zu gut?.. Zu recht, wie ich denke.
Ich habe geantwortet, wer neues entdecken will, muss aufbrechen, und mir würde nichts Schlimmes widerfahren, denn ich sei ja in seinem Auftrag, im Namen Gottes unterwegs, und der würde auch mich, wie er es schon oft in der Bibel gezeigt hat, führen, schützen und leiten, sicher auch wieder heimleiten. Am Abend vor dem Abflug war deshalb auch ein gemeinsames Treffen mit Verwandten und Freunden in Frankfurt, im "Zentrum Ökumene", einer Einrichtung unserer Landeskirche avisiert worden. Anmerkung: Die Mitarbeiter im Zentrum sind beauftragt, die ökumenischen Beziehungen zu anderen Konfessionen oder Kirchen zu pflegen: Zurzeit obliegt Ihnen die Moderation im Streit um einen Moscheebau in einer Stadt südlich von Frankfurt:
In dieser Gemeinde gibt es bereits zwei islamische Gotteshäuser und nun soll ein drittes gebaut werden. Die Muslime begründen den Bau mit der dringenden Notwendigkeit, einerseits wollen sie nicht weiter in Fabrikhallen und Hinterhäusern oder in überfüllten Räumen zu ihrem Gott beten, andererseits sagen viele Deutsche: Zwei seien genug! Im Gottesdienst ging Pfarrer Dr. Jochen Kramm, Leiter des Zentrums Ökumene, in seiner Predigt auf das uns Bevorstehende ein, der Segen wurde uns zugesprochen und bei der Feier des Abendmahls wurde noch einmal symbolisch die Bedeutung menschlicher Gemeinschaft verdeutlicht.
Menschliche Gemeinschaft auch als Sinnbild der Gemeinschaft Gottes mit den Menschen, die trägt, nicht nur durch Sterben und Tod, auch durchs Leben. Besonders durch gefahrvolle Situationen, die tagtäglich vorkommen können. Ein libanesisches Abendessen erwartete uns schon im Zentrum. Und nach dem Essen hieß es Abschied zu nehmen von den Angehörigen.
Vor dem Schlafengehen noch einen letzten Blick auf die Fußballergebnisse der Sonntagsspiele u.a. Bayern München vs. Karlruher SC, denn Pfarrer, nicht alle, aber die meisten sind sehr fußballinteressiert. Drei Monate ohne die gewohnte Fußball – Bundesliga, allein das wäre für so manchen Fußballbesessenen, ein Grund zu bleiben.
Ein Vorteil des Telekommunikationszeitalters ist es aber, dass man dennoch mit den Grundinformationen versorgt werden kann. Montag, 24. September, Tag der Abreise und Ankunft in Beirut, Geburtstage sind nicht immer Glückstage Der Tag der Abreise ist mein 53. Geburtstag. 04.00h Aufstehen, zehn Minuten später habe ich schon den ersten Glückwunsch entgegen nehmen dürfen. Ich bin überrascht, dass Kurt auch ein Geschenk in der Hand hält. Wie ich beim Auspacken sogleich entdecke, meine Motorradleidenschaft hat er nicht vergessen: Das Buch, das ich in der Hand halte, es trägt den Titel „Der schwarze Weg“ und handelt von einem Motorradbesessenen. Flugplatz in Frankfurt hatte ich aus den genannten Gründen nun gar keine Probleme wegen des Mehrgewichts, die sollten dann bei der Passagierkontrolle kommen.
Uhr, Schlüssel, Gürtel, Handy, das Jackett, die Regenjacke mussten in eine Box, der Laptop aus seiner Tasche entnommen und in einer weiteren Kiste abgelegt werden, in einer dritten wurde der Rucksack verstaut.
Während die Gegenstände durchleuchtet werden, habe ich mich einer Leibesvisitation zu unterziehen: Nur selten lasse ich Männer so dicht an mich heran, mein Körper wird mit einer Hand abgetastet, und fast keine Körperregion dabei ausgelassen, in der anderen Hand hält der Kontrolleur einen Sensor und streicht damit noch einmal über meinen Körper. Beim ersten Piepton erschrecke ich, beim zweiten und dritten Ton muss ich lächeln, und denke, na ja, es ist Montagmorgen…. Nachdem ich auch noch die Fußhacken anzuheben habe, das letzte Mal habe ich dies während meiner Zeit bei der Bundesmarine vor ca. 35 Jahren getan, das merke ich auch sogleich. Es fällt mir nicht ganz leicht das Gleichgewicht zu halten, und denke, wenn du wieder zu Hause bist, wirst du mehr Sport treiben müssen! Auch würde ich sie einmal ehrlich fragen wollen: Haben sie schon einmal montagmorgens in aller Frühe auf einem Bein gestanden, und dazu noch an ihrem Geburtstag? Und gehört es nicht irgendwie zum Alter dazu, dass man/frau gerade mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen gelernt hat?
Nachdem auch unter meinen Schuhen nichts Sicherheitsgefährdendes gefunden wird darf ich einige Schritte vorangehen, wo die abgelegten persönlichen Gegenstände nach der Durchleuchtung auf mich warten. Anmerkung: Ich möchte an dieser Stelle hervorheben, dass ich durchaus den Sinn solcher Untersuchungen akzeptiere, denn die Reichstagskuppel in Berlin soll doch noch lange an ihrem Platz bleiben!!!) Nicht alle, wie ich sogleich feststelle, denn mein Rucksack fehlt. Ich will mich sogleich über den Verbleib informieren, da entdecke ich weiter rechts noch eine gesonderten Ablage, und da liegt er, mein Rucksack. Meine Freude über das wieder Gefundene währt nur kurze Zeit, jetzt erfahre ich den waren Grund über die Sonderbehandlung: Zu viel Flüssigkeit/en! In meiner tiefen Depression über die Folgen des Kofferübergewichts hatte ich kurz bevor ich mich mit meinem Körper auf den Koffer warf, um den nötigen Zusammenpressdruck zu sorgen, der immer erforderlich um den Läufer des Reißverschlusses in seine Endposition zu bringen, wohl vorausahnend, dass dieses Mal alles Bemühen vergeblich sein könnte, entnehme ich noch schnell die Flaschen: Haarshampoo, Körperreinigung und Körperpflege Und verstaue sie in dm Bereich des Rücksackes, in dem sich zuvor die CD`s befunden haben, die jetzt in die Laptoptasche gewandert sind. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, na klar aus 975 ml Shampoo, Flüssigseife und Körperlotion kann man/frau Bomben bauen. Ich lerne: Flüssigkeiten bis 125ml dürfen nur ins Handgepäck! (Ich schreibe diesen Satz in Großformat, damit auch sie ihn nicht vergessen) Zwangsläufig trenne ich mich von Pflegemitteln, sehe mit traurigen Augen ihnen hinterher, wie sie in einem Müllbehälter verschwinden.
Ich werde nun von Angst getrieben, drei Monate lang als ungepflegte Spezies öffentliches Aufsehen zu erregen. Doch schon wenige Stunden später kann ich feststellen, in den Geschäften Beiruts gibt es alles/fast alles zu Kaufen, was ein europäisches Herz begehrt, auch Haarshampoo…, man/frau muss auf nichts verzichten. Von Frankfurt über Mailand erreichten wir in der Mittagsstunde Beirut. Anmerkung: (Dort lies Mitreisender Kurt seine Kamera in der Wartehalle liegen. Nachforschungen nach deren Verbleib bleiben erfolglos). Nach Abwicklungen der Formalitäten, die völlig unspektakulär waren, wurde die Gruppe „Kurt“, so war jedenfalls auf einem Schild zu lesen, von einem freundlichen Herrn erwartet, der uns in einem Taxi zur NEST, einem grauen, eher trist erscheinenden siebenstöckigen Hochhaus. Wie ich später feststellen kann, hat das Gebäude auch noch fünf unterirdische Etagen (auf der vierten befindet sich eine Sporthalle, auf der fünften ein Luftschutzraum, der während des letzten Krieges im Jahr 2006 Lehrenden und Lernenden sicheren Unterschlupf bot. Nach der ersten Begrüßung werden die Zimmer bezogen: Bett, Schrank, Schreibtisch, Kühlschrank und Balkon. Zugegeben wirkt das Zimmer trist und kahl, ich sage mir, von einer 5 Sterne – Unterbringung ist nie die Rede gewesen! Koffer und Laptoptasche sind schnell ausgeräumt, beim Auspacken des Rucksackes erlebe ich nun eine weitere Überraschung: Tiefe Dankbarkeit gegenüber „der Dame“ auf dem Frankfurter Flughafen erfüllt mich, von Lob soll die Rede sein, hat sie doch durch ihren beherzten Eingriff in mein Körperpflegeprogramm, mich und auch die anderen Fluggäste vor großem Schaden, vielleicht vor einer Katastrophe bewahrt. Nur durch ihre rasche Beschlagnahmung des Haarshampoos konnte sich nur ein kleiner Teil jener Flüssigkeit in meinen Rucksack ergießen, um präziser zu sein, und nur meine Digitalkamera mit einem äußeren weichseidenen Film überziehen und in zahlreiche Gehäuseöffnungen (Batterieschacht, Raum für die Speicherkarte etc.) eindringen können. Wenn schon ein Flugzeug wegen eines kleinen Metallteiles (Absturz der Concorde in Paris) abstürzt, was können gar 350 ml ausfliesendes Shampoo in einem Flugzeug verursachen?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir Flugreisende nur um Haaresbreite dem sicheren Tode entronnen sind, und ich ganz persönlich Glück im Unglück gehabt habe. Anschließend erfolgt die Einweisung in das Vor- Programm dieser Woche durch den Dekan der NEST, Dr. George Sabre, denn der eigentliche Studienbeginn beginnt erst eine Woche später, am Montag, dem o1. Oktober
Einladung bei der evangelischen Gemeinde in Beirut
Am Abend folgen wir einer Einladung der deutschen Gemeinde in Beirut. Wir werden herzlich vom dem Pfarrerehepaar Friederike und Uwe Weltzien empfangen. Sie geben einen Bericht über die wechselvolle Geschichte der Gemein de, im Jahr 2006 konnte das 150 jährige Gemeindejubiläum gefeiert werden.
Die Gemeinde besteht aus 120 Gemeindegliedern, die übers ganze Land verteilt, aber auch in Jordanien ansässig sind. Es sind vorwiegend Frauen, die mit Libanesen verheiratet sind. Da es im Libanon kein Sozialsystem gibt, ist der/die Pfarrer/in in erster Linie Sozialarbeiter/In. Die Weltziens sind seit 1999 hier im Lande, und im Laufe der Jahre haben sie ein Netzwerk im Libanon, aber auch in Deutschland aufgebaut, das sich der Sozialfälle annimmt. Die Liste ist lang, ich möchte nur zwei Beispiele nennen:
Der aktuellste Fall vollzieht sich in der Zeit, in der ich diese Zeilen schreibe: Beim letzten Attentat, es gab in den letzten Jahre mehrere, bei denen unliebsame politische Gegner von Kontrahenten und ihren Helfershelfern umgebracht werde, so am 10.09. auf den libanesischen Politiker, wurde bewusst dass Sterben vieler Unbeteiligter in Kauf genommen:Die 26 jährige Deutsch- Libanesin Hayat Dandache, seit zwei Jahren verheiratet und im zweiten Monat schwanger wartet auf ihren Bus, der sie zur Arbeit bringen sollte, da ging die Bombe hoch . Nun liegt sie mit schwersten Verbrennungen und Verletzungen im Krankenhaus. 70 Prozent ihrer Körperoberfläche sind verbrannt, das Gesicht bis zur Unerkennbarkeit entstellt. Ihr Kind hat sie mittlerweile, soll man sagen, Gott sei dank verloren? Ihr Leben hängt noch immer an einem seidenen Faden. Hayat, so erzählt uns Pfarrer Weltzien muss in eine Spezialkinik, wenn sie eine Überleben- und eine „Weiterlebenschance mit einem Gesicht“ haben soll. Wir hören von den Nachteilen einer doppelten Staatsbürgerschaft, die sich besonders im Gesundheitswesen bei der Übernahme der Behandlungskosten und einer kosmetischen Nachbehandlung zeigt. Das Pfarrerehepaar hat über das Auswärtige Amt der Bundesrepublik den Flug nach Deutschland organisieren können. Die Kosten für den Flug und die Anschlussbehandlung belaufen sich schätzungsweise auf 80.000,00 Euro. Das Geld erhoffen die Weltziens durch Spenden zu bekommen, es soll auch einen Bericht mit Spendenaufruf in der TAGESSCHAU geben. Wenn auch Sie etwas für Hayat, die „Frau ohne Gesicht“ tun wollen, hier die Bankverbindung:
Kasse der EKD, Bank EKK Hannover
Kontonummer: 660000 Bankleitzahl: 52060410
Kennwort: Bombenopfer Beirut. Weitere Informationen über die Evangelische Gemeinde Beirut :
www. Evangelische-Gemeinde-Beirut.org Pfarrer Weltzien berichtet von der zunehmenden Verarmung weiter Teile der Bevölkerung, hervorgerufen durch die Kriegsschäden aus dem Jahr 2006. Wie erwähnt gibt es im Libanon kein Sozialsystem, das heißt im Alter gibt es keine Rente. Wer nicht von der Familie, von Kindern, Enkelkindern etc. versorgt wird, dem/r bleibt nicht anderes übrig als betteln zu gehen, wie diese Frau:
Die Altersarmut betrifft vornehmlich Frauen, denn sie haben keinen Beruf erlernt, den sie bis ins hohe Alter ausüben können. Um der Armut in seinen vielfältigen Formen vorzubeugen, wurden Familienfonds gegründet, reichere Familienmitglieder zahlen mehr, andere weniger oder gar nichts in den Topf. Zu einer „Familie“ können mehr als 2500 Personen gehören. Der Familienfonds muss herhalten für die Altersversorgung oder wenn das Schulgeld von den Eltern des Kindes, die Schuluniform oder die Schulbücher an den staatlichen Schulen nicht bezahlt werden kann.Es gibt daneben auch noch viele Privatschulen für die Kinder der Reichen. Wegen der Kriegsfolgen sind aber die Familienfonds ziemlich leer, und die Familie kann nicht mehr für sozial schwächere Familienmitglieder eintreten. So sammelt der Pfarrer nun für Schuluniformen und Schulbücher für libanesische Kinder, für Christen und Muslime gleichermaßen: Diese Maßnahme möchte ich unterstützen mit den Kollekten aus den Gottesdiensten, sowie einer Silbernen Hochzeit, des Erlöses der Biker – Saison – Abschlussfahrt vom 15.09. und einer Ich Einzelspende in Höhe von 800,00 Euro oder 1200,00 US Dollar oder 1,8 Millionen libanesische Pfund. Mit diesem Geld können ca. 30 Kinder für ein Schuljahr ausgestattet werden. Ich finde Kinder sind es immer wert, unterstützt zu werden. Und das Gespräch zwischen den Religionen muss schon bei den Kindern beginnen, sie sollen und müssen erfahren, dass Glauben und ethnische Zugehörigkeit nichts Angsterregendes, nichts Hassenswertes sind, sondern dass das Anderssein ein Gewinn und eine große Chance ist. Zur gegebenen Zeit werde ich von der Aktion, das heißt von der Übergabe berichten. Ich möchte auf diesem Wege allen Spendern danken, und hoffe in ihrem Sinne gehandelt zu haben, persönlich geleitet von der Dringlichkeit und der Nachhaltigkeit. Tonga, eine Kneipe, eine Oase Mein Geburtstag findet seinen Abschluss in einer kleinen Kneipe, namens Tonga, direkt neben der NEST. Wer hier Südseeflair erwartet, wird enttäuscht sein, denn keine mit einem Bastrock und ein er Blumengirlande bekleidete Südseeschönheit nimmt meine Bierbestellung für die „5 Pastors“ entgegen, sondern der 19 jährige Barkeeper Ali, der lieber 1000 libanesische Pfund für eine Studienbescheinigung zahlte, als zum Militärdienst zu müssen, der im Südlibanon zu Hause ist, noch nie außer Landes war, keinen Reisepass besitzt und während seiner Schulzeit wie er es ausdrückt nur ein paar Mal im Libanon im Kreis herum gefahren sei, der sich in der Fußball - Bundesliga bestens auskennt, aber die Brasilianer besonders schätzt, der unbedingt wissen will, ob wir Deutsche den Libanon mögen und enttäuscht ist, als wir erklären, dass für die meisten Deutschen sein Heimatland nur eine Nebenrolle spielt, der über beide Gesichtshälften strahlt, nachdem wir anklingen ließen, noch drei Monate hier zu sein, und noch zahlreiche „Ausflüge“ auf die „Südseeinsel Tonga“ unternehmen. Ali, der junge Mann, der uns am darauf folgenden Abend darlegt, dass der Stadtteil Hamra ein Modell sein kann für einen Frieden im gesamten Libanon, denn hier sei man wie eine große Familie, hier hätte es noch nie Krieg gegeben, hier würde weder Politik noch Religion eine Rolle spielen, jede/r achte den anderen. Die Träume eines 19 Jährigen, wir haben sie belächelt... Wir meinen es schon zu wissen, nach dem Studium von Literatur und einem zweitägigen Aufenthalt im Lande, dass der Stadtteil Hamre nicht Modellcharakter haben, denn hier herrscht Wohlstand, zu Lasten derer, die in anderen Stadtteilen wohnen und sich noch scheuen zu kommen, um das zu holen, was sie meinen, das ihnen vorenthalten wird. Recht hat er indes indirekt in seiner Stellungnahme zu Politik und Religion. Die schon viel zu lange anhaltende Verflechtung von Religion und Politik hat zu zahlreichen Kriegen und einer heutigen faktischen Unregierbarkeit des Landes geführt, und niemand scheint in der Lage zu sein, dieses Knäuel, diese unheilige Assimilation, diesen kordischen Knoten zu zerschlagen. Die politische Lage gleicht einem Pulverfass und die Lunte ist schon entflammt… Dienstag, 25. September, Das Leben in der NEST Das Frühstück wird ab 07.30h in Büfettform eingenommen: Erst beim zweiten Blick erkennt man unter den beiden Esstellern, die reichlich mit Konfitüre angefüllt sind die Butter, so wurde das dünne Fladenbrot, das es zu jeder Mahlzeit gibt, von mir ohne Butter verzehrt. Weiter gab es sehr süß schmeckenden Käse, eine sehr farbintensive Wurst, Oliven, Tomaten und kleine Gurken. Das Mittagessen bestand aus etwas, was ich für angewärmte Vollkornschnitten halten würde. In der Zwischenlage befand sich Hackfleischmasse, orientalisch angewürzt. Die sagt man doch: „Der Hunger treibts rein“ Am Abend: „Vollkornschnitten“ vom Mittag, Wurst, Schafskäse, Tomaten und Gurken und….Fladenbrot. Das Essen, besonders das Mittagessen ist immer für eine Überraschung gut, aber es ist genießbar, schmeckt zuweilen auch, ist sättigend, und besonders geeignet, in dieser Zeit nicht nur libanesische Pfunde, sondern auch Körperpfunde „hergeben“ möchten. Nach dem Frühstück gibt uns Dr. Sabre organisatorische Hinweise für den „Studienalltag“ und die Pflichtstudienfächer bekannt: Es sind dies:
-Geschichte der Kirchen im Nahen Osten
-Einführung in den Islam
-Christlich - Muslimische Begegnungen. Die Hochschule ist relativ klein. Die Hörsäle, die die während meiner Studienzeit kennen gelernt hatte, fassten teilweise mehr als 500 Sitzplätze, hier sind es kleine Räume mit bis zu 20 Sitzplätzen. In diesem Semester studieren neben den fünf Pfarrern noch ca. 30 „richtige“ Studenten/Innen. Drei kommen aus Deutschland, einige aus Syrien und Palästina und aus den USA.
10 Unterrichtende sind neben dem Hilfspersonal an der Schule tätig. Um 10.00h, wie an jedem Unterrichtstag ist Kaffeetrinken mit dem „Staff“, dem Lehrkörper, angesagt. Auch wir Pfarrer sind eingeladen, damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass wir keine normal Studierenden sind. Wir verteilen uns „weitläufig“ im Raum auf Stühlen und Sofas bei Keksen und arabischem Kaffee, um den Hinzukommenden akademischen Lehrern und dem Hilfspersonal damit eine offene Gesprächsgelegenheit zu signalisieren. Der Smalltalk ist anstrengend, der passive englische Wortschatz viel größer als der aktive, aber die Fortschritte sind von Tag zu Tag erkennbar.
Nach dem Kaffee gehen die „five pastors“ oder „aziz“ wie es im Arabischen heißt in die Stadt, um Geld einzutauschen. In Zukunft sind mathematische Fähigkeiten angefragt, damit die Umrechnung und Preiseinschätzung erfolgen kann: Für einen US Dollar erhält man 1500 libanesische Pfund und für 100 Euro umgerechnet 140 USD. Der Dollar ist als Parallelwährung zugelassen.
Nach dem Geldumtausch sind die Blicke meiner Kollegen auf alle Begehrlichkeiten gerichtet, die es hier in den Geschäften zu kaufen gibt. Nur mein Blick ist zielgerichtet- sie erahnen es sicherlich schon, auf Haarshampoo und auf eine neue Kamera!
Es ist feuchtwarmen Wetter, schon nach den geringsten Anstrengungen,
wie dem Flanieren auf der Hamra – Strasse rinnt der Schweiß unablässig. Erste Eindrücke:
Es ist heute ist „Wahltag“. Es soll ein Staatspräsident gewählt werden. In der Stadt wimmelt es von Soldaten, es werden Bombenanschläge erwartet:. Es ist zwar Wahltag, aber sogar der „kleine Mann“ weiß, es wird heute keinen neuen Staatspräsidenten geben, denn die politische Lage im Libanon ist total verworren, verworren wie seit eh und je, und da gibt es keine Mehrheiten. (Siehe Gesprächsnotizen vom 27.September mit Professor Sinno.)
Sehen können wir nur die vielen Straßensperren des Militärs, hören dass die Abgeordneten in einem Hotel zusammengehalten werden, um sie so wirksamer vor Attentaten zu schützen. Das Hotel Sheraton gleicht einer Festung, es ist von mit Gewehren und Panzern bewaffneten Soldaten umlagert. Einflussreiche Kandidaten sterben hier selten einen normalen Tod.
So kann sich auch die Situation auf der Strasse von einer auf die andere Minute schlagartig ändern, es wird uns empfohlen, den Reisepass stets „am Mann“ zu tragen, und sich bei der deutschen Botschaft registrieren zu lassen, für den Fall der Fälle.Die zentrale Innenstadt ist an diesem Tag unpassierbar, überall Militär. Indes die Soldaten sind freundlich, erwidern den Gruß, manchmal mit einem Lächeln. Geld wird getauscht, nach Internetcafes Ausschau gehalten, um das Internet als eine Form der Korrespondenz zu nutzen, nach Kameras wird Ausschau gehalten, Telefonkarten avisiert… Erkundung der näheren Umgebung Am Nachmittag nimmt uns Dr. Hoover, unser Islamlehrer, ein Amerikaner, der ca. zehn Jahre in Ägypten studiert und gelehrt hat, an die Hand, um uns die Nachbarschaft, d.h. die nähere Umgebung zu zeigen. Im rasenden Schritt, der Mann scheint Jogger zu sein, „traben“ wir durch den feuchtwarmen Nachmittag. Es ist nicht nur am Nachmittag feucht, sondern eigentlich den ganzen Tag und auch die Nacht, denn unsere Zimmer haben weder Klimagerät noch Ventilator. Wie nach diesem Rundgang, so ist auch sonst manchmal vier bis fünfmal Duschen angesagt. Dass die Dusche, die ich mit Bernd teilen muss, kein Warmwasser spendet, ist nicht schlimm, denn das kalte Wasser ist geradewegs angenehm. Wir werden zur Post geführt, zum amerikanischen Krankenhaus, das im Krankheitsfall aufzusuchen sei, zur AUB, zur amerikanischen Universität, zu Gebäuden, die in einer parkähnlichen Landschaft liegen und bis ans Mittelmeer reichen. Im Parkgelände wimmelt es nur so vor Katzen. Hier zu studieren ist nur für die Reichen möglich, es gibt sie zuhauf, wie es scheint, allerdings nur in einem Stadtteil, dem Stadtteil in dem auch die NEST liegt: Hamra. Autos, deutsche Autos der gehobenen Klasse (Mercedes, Porsche, BMW) sind häufig zu sehen; das Straßenbild in der Hauptgeschäftsstrasse gleichen Namens, gleicht der einer in Berlin, Paris oder London. Die Jahresstudiengebühr an der AUB beträgt 10.000,00 US Dollar (USD). Das monatliche Einkommen eines Lehrers beträgt 400,00 USD, wobei ca. 250,00 USD für Miete zu zahlen sind. Ein Lehrer braucht also noch einen Zweitjob, und die Ehefrau arbeitet am besten auch gleich mit. Ich frage mich, was mag wohl ein Müllmann verdienen? Ich habe nicht zufällig einen Müllmann gewählt, hätte durchaus auch einen Angestellten hier im Hause, vielleicht die jungen Köche aus Bangladesch zum Vergleich heranziehen können, aber diese sind keine Muslime und auch keine Libanesen, und mit der Müllabfuhr muss man sich hier arrangieren, denn sie kommt fast täglich, manchmal sogar nachts um 03,00h. Um dann wieder einschlafen zu können, muss man sich suggerieren: „Ach die gute Müllabfuhr, sie kommt auch für mich!“ In den armen, ärmeren Stadtteilen Beiruts, die im Süden der Stadt liegen, die im Krieg 2006 erheblich zerstört wurden, weil die israelischen Streitkräfte Stellungen der Hisbollah, einer schiitischen Miliz, die von den iranischen Machthabern reichlich mit Waffen und Geld ausgerüstet hat, um den Staat Israel eines Tages zu vernichten (s. Gespräch mit Professor Sinno, Donnerstag,27.9.) und die ihre Stellungen aus taktischen Gründen in Wohnsiedlung hatte, ist die Armut zum Greifen nahe. (80 Prozent der Bevölkerung im Libanon sind arm). Armut und Reichtum begegnen hier einander auf engsten Raum, wie kann der soziale Friede gerettet werden, in einem Land, in dem der nächste Krieg, wie allgemein vermutet wird, schon an der Tür anklopft gerettet werden? Von der Universität gehen wir direkt zur Corniche, ans Ufer des Mittelmeeres. Kurt und Andreas fotografieren das Ufergestade sowie die der See zugewandten Häuser. Plötzlich kommt ein Soldat auf sie zu, fordert sie auf, ein Bild zu löschen, das die Stelle zeigt, an der der letzte libanesische Politiker ermordet wurde. Die Sinnhaftigkeit dieser Aktion bleibt uns allen unverständlich, aber so ist dieses Land. Wer den Libanon verstehen will, wird wahnsinnig, angesichts des Chaos, das hier herrscht und scheinbar zur Alltagskultur geworden ist. In einem Strandcafe nehmen wir eine Erfrischung zu uns. „Weißer Kaffee“ ist und wird ein Geheimnis bleiben, Ähnlichkeiten mit heißen, mit Jasmin aromatisierten Wasser liegen näher als mit einem Aufguss gemahlener Kaffeebohnen mit Milch versehen. In dem Cafe herrscht rege Betriebsamkeit, viele Tische werden fürs Abendessen hergerichtet. Schon bald wird sich das Lokal füllen, es ist ca. 18.00h und in wenigen Minuten wird die Sonne untergehen. Es ist Ramadan. Während des islamischen Fastenmonats ist es den Gläubigen nicht erlaubt, während die Sonne am Himmel steht, zu essen, zu trinken oder zu rauchen. Ausnahmen gibt es für Kinder, Alte und Kranke. Das Abendessen ob nun im Restaurant oder Zuhause ist für die Muslime die erste Nahrungsaufnahme nach der Frühmahlzeit, die vor Sonnenaufgang zurzeit ca. 05.30h stattzufinden hat.. Das Klappern von Kochgeschirr durchdringt deshalb oft die Nacht. Wir wenden uns ab vom Mittelmeer, die Wellen schwappen uns fast vor die Füße. Das Wasser hat in seinem zarten Grünton durchaus etwas Apartes, sei aber wie von Dr. Hoover zu erfahren ist wegen der Immissionen hervorgerufen durch das Bombardement der israelischen Luftwaffe aus ÖL –Raffinerien und chemischen Anlagen, nicht zum Schwimmen geeignet. Gefahr von Hautreaktionen). Während der Erfrischungspause schaue ich einem Angler zu, der geduldig auf einer Betonsäule steht, die nur ca. 30 Zentimeter Durchmesser hat. Es ist ein akrobatischer Aktion, wie er seine ca. 3 Meter lange Angel auswirft, bzw. einholt um den gefangenen Fisch zu entnehmen und den Angelhaken mit einem neuen Köder zu versehen. Ich frage mich im Stillen weiß er um die Schadstoffbelastungen und den Folgen für den menschlichen Organismus? Ich denke, er weiß es, aber, was soll er tun, die Armut wird ihn treiben, und er würde sagen „Inschallah“, alles liegt in Allahs Hand. Wir kehren um, ein weiterer Gang am Meer ist für uns zu gefährlich, denn schon bald kommen wir in das Gebiet, das von der Hisbollah beherrscht wird, und weiße Europäer (Amerikaner noch weniger) sollten sich dort nicht sicher fühlen vor Entführungen. Mittwoch, 26. September, Tagesausflug nach Tripolis Tripolis, die zweitgrößte Stadt des Landes liegt ca.80km nördlich von Beirut. Dort sind wir mit dem Vorsitzenden des Tourismusverbandes Nord – Libanon Herrn Daniel Kourk verabredet.
Mehrmals von unterwegs muss unser Kleinbusfahrer, Pfarrer Uwe Weltzien, die Ankunftszeit nach hinten verschieben wegen des Verkehrs. Ich wäre geneigt zu sagen wegen des Chaos, dass auf libanesischen Strassen herrscht. Es gibt nur ganz wenige Ampeln und an die Rotschaltung hält sich sowieso kein Libanese wie unser Fahrer erzählt. An Kreuzungen ist ein heilloser Durcheinander, wie beim Autoscooter- Fahren, nur mit dem einen Vorteil, man schiebt sich immer noch anderen vorbei oder zwängt sich vor den Nachkommenden. Ich vermute, die Libanesen kennen die Maße ihres Autos also Länge und Breite bis auf drei Stellen hinter dem Komma. Manchmal fährt man auch gegen die Fahrtrichtung, ich weiß seit unserem Ausflug nach Tripolis, was ein Geisterfahrer sieht… Man fährt in Gegenrichtung in der Annahme die Polizei habe die Fahrbahnrichtungsänderung schon eingeleitet, muss dann aber irgendwo stehen bleiben, weil der Gegenverkehr zu schnell und die Verkehrsdichte zu groß ist, um in die Nischen zu brechen und den Hecht im Karpfendeich zu spielen. Unserem Fahrer ist der libanesische Fahrstil schon zu eigen geworden, denn er kann sich noch in aller Ruhe Zigaretten anzünden, oder telefonieren oder Gespräche führen. Ich bin ernsthaft am überlegen, ob ich selbst ein Motorrad oder ein Auto mieten soll, denn Kamikaze möchte ich nicht spielen. Nach ca. einer halben Stunde „Fahrt beim Autoscooter“ werden die Verkehrverhältnisse allmählich besser, denn wie die Vororte Beiruts passiert und befinden uns auf der Autobahn. Die Strasse nach Tripolis ist wieder durchgehend befahrbar, die Israelis hatten fast alle Brücken zerstört. Wie Pfarrer Weltzien uns erzählt, seien alle Brücken in Richtung Süden selbst die historischen zerbombt worden. Ich frage mich nach dem Warum? Ist den Menschen nichts mehr heilig, nicht mehr erhaltenswert für zukünftige friedvolle Zeit und wie groß muss die Aggression, die Angst, die Furcht, die Verachtung, die Feindschaft sein, die so etwas zulässt?
Nach einem Zwischenstopp gesellt sich ein Dame mittleren Alters aus der deutschen Gemeinde zu uns in den Bus.
Wir streifen die antike Stadt Byblos, passieren die Zementmetropole Libanons, erfahren, dass die liegende Gegend ganzjährig mit einem feinen Zementstaub belegt ist, das für die Zubereitung viel Gestein abgebaut werden muss und rücksichtslos mit der Natur umgegangen wird, und bei der Zementherstellung Asbest freigesetzt wird. Die Asbestverseuchung habe schon zu vielen Erkrankungen geführt.
Gegen 11,00h erreichen wir Tripolis, die Verkehrverhältnisse ähneln denen in Beirut. Wir erreichen die Zitadelle aus der Kreuzfahrerzeit, dort erwartet uns schon „sehnsüchtig“ unserer Reiseführer. Da im gesamten Jahr 2006 nur etwa 120 Personen die Zitadelle besucht, und diese Aussage ist glaubhaft, denn außer uns und dem Personal ist niemand zu sehen.
In einem inbrünstigen Dauermonolog, ständig mit den Händen gestikulierend, manchmal die Augen weit aufreissend will er uns verständlich machen, er gibt vor sieben Sprachen zu sprechen, sei ab 1974 mehrer Jahre zum Studium in den USA gewesen, will uns in kurzer Zeit erklären, woran das „Elend“ im Libanon seit fast 180 Jahren begründet ist.
Was damit gemeint ist, hören wir in den nächsten Tagen bei jeder Begegnung ab dem dritten Satz.. die ersten beiden dienen der Vorstellung.
Viele Sätze leitet Daniel, der Fremdenführer mit den Worten ein: „I am suffering…“ (Ich leide…)
Nun folgt eine kleine Auflistung einiger Leiden:
- Die Politiker hätten kein (kein wirkliches) Interesse am Volk
- 80 Prozent der Bevölkerung seien arm! Das Streben der Menschen sei ausschließlich darauf ausgerichtet „satt“ zu werden. Schon die Kinder, zehn Kinder in einer Familie seien keine Seltenheit (Der Durchschnitt liegt indes bei 4 – 5 Kindern pro Familie) hätten seit frühester Kindheit zum Lebenserwerb mit beizutragen. Der Tageslohn beträgt um-gerechnet etwa 6 Cent. Anstatt zu arbeiten, sollten sie zur Schule geschickt werden, eine Ausbildung müsse folgen, so könnte sich die soziale Lage im Lande verbessern.
- 60 Prozent der Libanesen würden mittlerweile im Ausland leben. Vom Geld, das sie nach Hause schickten und vom Geld internationaler Wohlfahrtsverbänden bestritten viele Libanesen ihren Unterhalt. Es sei eine Mentalität entstanden lieber von der „Wohlfahrt“ zu leben als selbst kreativ zu werden.
- An der nötigen Toleranz, Wertschätzung und Achtung unterschiedlicher ethnischen Gruppen und Religionen (Schiiten, Sunniten, Drusen und Christen) würde es fehlen, um ein „Gemeinwesen“ aufzubauen.
- Die internationalen Einflüsse seien zu groß: Die politischen und wirtschaftlichen Interessen von Syrien, dem Iran, von Israel, von der USA, von den europäischen Staaten u.a. würden den Libanon von einer in die andere Katastrophe führen. Das Eigeninteresse jener zerstöre die Entwicklung des Libanon.
- Die fehlende Infrastruktur und die schlechte Sicherheitslage führe dazu, dass der Tourismus völlig ausbliebe, dabei sei das Land reich an kulturellen Gütern. Der Tourismus würde Geld ins Land bringen, Geld, das fehlt, z.B. um die Kriegsschäden völlig zu beseitigend, Geld für den Auf- und Ausbau!
- Die Visionäre würden fehlen im Lande. Ihre Visionen würden sie mit ins Ausland nehmen und dort umsetzen.
Die gewaltigen Mauern, Gewölbekonstruktionen der Türme und Terrassen waren schnell besichtigt, denn außer unserer Gruppe und dem Personal war niemand da. Wollten sie nicht immer schon einmal ein Museum ganz allein besichtigen, ohne von der Menschenmenge von einem Bild zum nächsten geschoben zu werden?
Es erfolgt ein Gang durch der Innenstadt Tripolis an. Vor Jahrzehnten lebten noch ca. 30 Prozent Christen in der Stadt, heute, so schätzt Daniel, sind es noch ca. 1 Prozent. Diese haben das Land verlassen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, ein Leben in Frieden. Leer stehend und verlassen sind ihre Häuser, sie sind Zeugen, stumme Zeugen, einer glücklicheren Vergangenheit.
In der Stadt selbst, zwar vereinzelt, aber im Stadtbild von weitem sind die Gebäude gut als Kirche erkennbar. Manchmal muss man die Gottesdiensträume der Christen auf den Hinterhöfen regelrecht suchen (natürlich mit Hilfe des Reiseleiters).
Besuch einer Seifenmanufaktur:
Anschließend werden wir zum Restaurant geführt, dass Daniel von seinem Großvater geerbt hat. Es stammt aus dem Jahr 1881. Er führt und durch die Räume, erklärt uns wie komplex seine Familienlegende ist: Er spricht von seinem türkischen Großvater, seinem armenischen Vater und seiner maronitischen Mutter. In seiner Geschichte vermischen sich Religionen und christliche Konfessionen:
-Türkisch steht für den islamischen Einfluss-Armenisch für den orthodoxen Glauben, (Die orthodoxen Kirchen anerkennen nicht die Oberhoheit des Papstes
-Maroniten stehen der Katholischen Kirche sehr nahe. Diese Multikultur wird auch in seinem Haus offensichtlich:
Wenn er von dem alten schmiedeeisernen Balkongitter erzählt, das aus Großvaterszeiten stammt, er hält die durch den Krieg zerstörten und entwei gegangenen venezianischen Türglasscheiben ans Licht, zeigt uns die Säulen im ionischen Stil…
Wir sehen in den Räumen noch die Folgen der Kriegschäden (u.a. die zerstörte Kassettendecke aus Zedernholz. Man hat den Eindruck, dass er in jedem Augenblick losheulen würde, das er jemanden braucht wie uns, die sein Leid hören wollen.
„I am suffering”, ja Daniel ich konnte sehen und spüren wie und woran du leidest, ich kann aber dein Leid nur indirekt lindern…
Tripolis, die zweitgrößte Stadt im Lande, aber das Verkehrchaos ist genauso groß wie in Beirut, so empfinde ich es jedenfalls.
Einladung bei Frauen der Gemeinde
Auf halber Strecke biegen wir von der Autobahn ab, um einige Frauen der deutschen Gemeinde kennenzulernen. In einem kleinen Dorf, werden wir bereits von einer Frau, die vor ihrem sehr gepflegt wirkenden Haus steht, erwartet. Sie geleitet uns, und die deutsche Studentin Ulrike, die kurz vor uns angereist war, aber insgesamt ein Jahr an der NEST studieren wird, in den Wohnzimmer- Esszimmerbereich (s. FotoNr: ) Dort haben sich ca. 10 Frauen, zu Gruppe gehören noch einige mehr versammelt, die uns mit ihren Koch- und Backkünsten verführen wollen. Der Tisch ist reichlich gedeckt, und alles ist sehr schmackhaft. (Wenn ich hier das Wort „alles“ verwende, will ich allerdings den Eindruck entstehen lassen, ich hätte von allem gekostet, aber dass, was wir als die Gäste probiert haben war sehr wohlschmeckend.Es folgte wie bei allen anderen Einladungen die obligate Vorstellungsrunde: Wir erfuhren, dass diese Frauen schon bis über 40 Jahre lang im Libanon lebten, verheiratet sind sie mit Libanesen. Die Frauen sind nicht arm, das sieht man, ich wäre geneigt zu sagen, sie gehren zum gehobenen Mittelstand, von Unternehmern, Homöopathen ist die Rede, ebenso von Kindern, die fast durchweg im Ausland (Deutschland, Kanada…) studieren oder leben. Aus Furcht hätten sie Das Land verlassen oder wären von den Eltern zum Verlassen gedrängt worden. Die Frauen selbst leben gern hier und wollen auch bleiben, wenn es geht…, sie fürchten den Krieg, der schon bald wieder zum Alltag werden könnte… Nach einer Hausandacht mit Gedenken an Leid der jungen Hayat fahren wir bei beginnender Dunkelheit zurück nach Beirut.
Einladung bei der Direktorin der NEST
Um 20.30h folgen wir einer Einladung der Direktorin der NEST, Frau Mary Michael, die im Hause im 5. Stock, genau ein Stockwerk über meinem Zimmer ihre Wohnung hat. (Noch weitere akademische Lehrer wohnen unter einem Dach mit ihren Studenten.)
Wir besorgen noch schnell einen Blumenstrauß, dann geht’s zum Duschen, nehmen unser Standardgeschenk, das Facetten der EKHN mit, und betreten nach freundlicher Begrüßung der Gastgeberin die Wohnung. Neben uns haben sich schon weitere akademische Lehrer dort versammelt. Vor/während und nach einem sehr üppigen und schmackhaften libanesischen Abendessen wird der Grund unseres Hierseins und die politische Lage im Lande/ in der Region sondiert. Wir hören von akademischen Aufsätzen, die auch Stellungnahmen zum Islam beinhalten, die aus Angst vor… lieber unter Verschluss gehalten werden als sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Werden gewarnt vor dem Islam, unsere Erkenntnisse aus Deutschland, wo der Islam noch sozusagen in den Kinderschuhen stecke, seinen unscharf, strebe der Islam doch immer nach der Alleinherrschaft. Einen interreligiösen Dialog, das Hauptthema unseres Studienaufenthaltes würde es nicht geben, hier im Libanon würden die Religionen, das heißt die Menschen, die sich zu der einen oder anderen Religion bekennen, aber im Grunde nur nebeneinander her leben. Von einem richtigen Dialog, einem guten Austausch kultureller Prägungen im Gespräch, in Begegnungen, im Alltag könne keine Rede sein. Es sind dies die Worte eines frustrierten Neutestamentlers, und spürt man hier an allen Ecken und Enden. Ein wenig irritiert, aber auch in freudiger Erwartuntg auf die kommenden Gespräche und Studieninhalte trete ich mit den anderen den Weg ins untere Stockwerk an.
Donnerstag, 27.September. Gespräch mit Professor Zinno, Lehrstuhlinhaber für Geschichte an der Universität Beirut
Am Abend sind wir wieder Gast bei Pfarrer Weltzin in der Gemeinde, er hat ein Gespräch mit Professor Abdel – Raouf Sinno arrangiert. Der Professor hat in Deutschland, auch eine Zeit in Witzenhausen, im Werra-Meißner-Kreis, meiner Heimat gelebt. Er hat seinen Lehrstuhl für Geschichte an der libanesischen Universität. Als Gesprächseinstieg haben wir seinen Aufsatz, den er am 15. Oktober 2006 in einem Vortragan der Evangelischen Akademie in Hofgeismar gehalten hat. Der Vortrag aus 2006 wie auch unser Gespräch war betitelt: Steht der Libanon vor dem Zusammenbruch? Wie erfahren, dass der Libanon seit 1830 immer unter den Spannungen der ethnischen und religiösen Gruppen gestanden hat, die in Treffen mit „frommen Absichtserklärungen, in Auseinander –setzungen, in Einmischungen Dritter und in Kriegen ihren Ausdruck fanden.
Im Libanon leben 18 Religionsgemeinschaften, und diese Religionsgemeinschaften bestimmen nicht nur das religiöse, sondern auch das gesellschaftliche und politische Leben. Hier gibt es keine politischen Parteien. Religion und Politik sind aufs engste miteinander verflochten.
Im Jahre 1943 wurde auf ausländischem Druck ein Nationalpakt, das so genannte „Ta`if – Abkommen“ geschlossen. Die Machtverteilung wurde entsprechend der Anzahl der Stärke der Volksgruppen verfügt: Die Macht im Parlament sollte im Verhältnis 6:5 zugunsten der Christen verteilt. Staatspräsident soll stets ein Maronit (Christ)
Ministerpräsident ein Sunnit (Moslem)
Parlamentspräsident ein Schiit (Moslem) sein. Durch den Exodus vieler Christen und durch die starke Geburtenrate bei den Muslimen hat sich das Kräfteverhältnis der Religionsgruppen sehr zuungunsten der Christen verschoben. Es liegt auf der Hand, die Muslime wollen mehr Einfluss. Laut einer Schätzung der renommierten arabischen Zeitschrift „An – Nahar“ vom 13. November 2006 leben 1,7 Millionen Christen (35,3 Prozent) und 3,1 Millionen Muslime (64,3 Prozent) im Lande, wobei sich die 64 Prozent der Muslime noch aufspalten lassen in jeweils 29 Prozent Sunniten und Schiiten und 5,5 Prozent Drusen.
Wer aber jetzt dem Irrtum verfällt anzunehmen, die Sachlage ist doch ganz klar, das Kräfteverhältnis ist 2:1 zugunsten der Muslime muss schnell eines besseren belehrt werden:
Hier koaliert jeder mit jedem, das ist aber nur möglich, weil sich die Gruppieren weiter auf gespalten haben, die Einflüsse im Inneren, wo häufig nur der ganz persönliche Vorteil die Triebfeder für auch unselige Koalitionen ist (General Aun, ein Maronit koaliert z. B. mit der radikal islamischen Bewegung, der Hisbollah, um Staatspräsident zu werden:
Wie zu hören, würde er sogar einen Pakt mit dem Teufel schließen). Die Gruppierung werden aber auch beeinflusst durch ausländische Mächte: Im besonderen sind dies die USA und der Iran.
Die Liste der Koalitionspartner ist lang, erwähnen möchte ich nur noch, dass die mit der USA „verbündeten“ Gruppen 71 Parlamentssitze innehaben; die Iran/Syrien – Hörigen kommen auf 57 Parlamentarier.Das Verhältnis zu Israel ist ein weiterer außenpolitischer „Sprengstoff“, innenpolitisch von nicht viel geringerer Brisanz sind die 400000 Palästinenser, die staatenlos seit 1967 festgehalten werden, nicht arbeiten dürfen.
Die Palästinenser sind Sunniten, ihre Einbürgerung wurde die Patt- Situation zwischen Schiiten und Sunniten zur Dominanz der Sunniten verändern, und Einfluss verlieren wollen werden die Schiiten noch die Christen. Ein Beispiel für unzählig viele, und das Gerangel nimmt kein Ende, aktuellstes Beispiel ist die Wahl des Staatspräsidenten. Ein Christ wird es (noch einmal) sein, wer, das ist ungewiss, vielleicht werden wir es ja noch vor unserer Abreise im Dezember erfahren. Noch werden verheißungsvolle Hoffnungsträger eliminiert und das Land schlingert mehr und mehr in den Abgrund, einen neuen Bürgerkrieg? In einen Krieg? Wo das Land nichts mehr braucht als Frieden, Hoffnung auf eine Zukunft. Steht der Libanon vor dem Zusammenbruch? Jein, so habe ich den Herrn Professor verstanden. Freitag, 28. September, Besuch des Erzbischof der anglikanischen Kirche in der NEST Heute, ja heute kommen zum ersten Mal offiziell unserer „Priesterhemden“ oder auch Kollarhemden, die Hemden mit dem Stehkragen zum Einsatz.
Der Erzbischof von Canterbury, Dr. Rowan Williams, das religiöse Oberhaupt der anglikanischen Kirche, zuständig für alle Anglikaner in England und in der ganzen Welt ist auf einer Reise durch den Nahen Osten. Er besucht die Auslandsvertretung im Libanon, die Abteilung ist im Gebäude der NEST im 7. Stockwerk untergebracht.
Neben dem Besuch nimmt referiert er in einem 15 minütigen Vortrag über das Verhältnis von Christen und Muslimen: Er hat eine freundliche Ausstrahlung, sein Englisch ist gut zu verstehen. Sowohl Sprache als auch Körperhaltung machen deutlich, dass im das Thema sehr wichtig ist. Aus der Geschichte heraus schält er mehrere Begegnungsmöglichkeit: Islam als eine christliche Sekte als ein Teufelswerk. Seine Umgangsform bezeichnet er als „Respect in differenzes“.
Erkennen, wo die Unterschiede liegen, ihnen mit Achtung begegnen! Im anderen Menschen das Anderssein erkennen und wahrzunehmen als eine Gabe Gottes an die Menschen!
Schöne Worte, der Widerspruch derer, die schon jahrzehntelang im Libanon den Dialog und fördern war dem Erzbischof gewiss. Mein Respekt gebührt sein Worten, hoffentlich erweisen sie sich als glaubhaft, gestalt- und umsetzbar!!
Nach dem Abendessen kam es zur ersten sportlichen Begegnung in der Turnhalle. Beim Basketballspiel kam es zu einer deutsch- palästinensich, deutsch-palästinensicher Begegnung. Am Alter scheiterte eine reine nationale Begegnung.
Samstag, 29. September, Ausflug zum Mount Zanine
Im Bewusstsein, dass zu Hause der 1. Blockunterricht stattfindet, und in der Hoffnung, dass ich gut ersetzt werde, nahmen wir an einen Gemeindausflug der evangelischen Gemeinde in die Berge des Zannine teil. Der Bus ist mit 30 Personen voll besetzt. Später erwarten uns die Weltziens irgendwo in den Bergen ca. 40 Kilometer nordöstlich von BeirutDer Berggipfel selbst liegt in mehr als 2500 Meter Höhe. Schon bald nachdem wir Beirut verlassen hatten, bogen wir von der Autobahn ab, und der Bus schlängelte sich durch die Berge. Nicht nur an Hand der Kirchen, auch an den Häusern, die auf Wohlstand vermuten ließen, war uns klar, dass wir durch christlich besiedelt Gebiet fuhren. Der mehrmalige Ruf des Muezzin am Tage, der mir mittlerweile schon genauso vertraut geworden ist, wie das Krähen eines einzelnen Hahnes hier in der Großstadt in früher Morgenstunde fehlte. Auf der Heimfahrt nach 18.ooh es wurde schon dunkel, hielt plötzlich der Bus auf freier Strecke: Der Busfahrer, ein Muslim durfte wieder essen, und er aß zu Abend. Nicht ausdenken gewesen wäre, wenn er in Folge von Unterversorgung, die leicht zur Unachtsamkeit werden kann einen Unfall verursacht hätte?
Nachdem wir die Weltziens in den Bergen getroffen hatten, stoppte dann schon bald der Bus.
Die Wandergruppe stapfte dann durch die Bergwelt vorbei an Bohnen-, Tomaten-, Apfelplantagen. Man ging natürlich nicht schweigend nebeneinander, jeder Meter zum Gespräch genutzt (die Gespräche haben oft stereotypen Charakter, die Fragen nach der Herkunft, des Grundes für das Hiersein…). Ein wenig versuchte ich meine Sprechmuskulatur zu schonen, ich fand Muße im Fotografieren und im Schauen:
In einem ausgewiesenen Restaurant, auch ein Ski Hotel, nahmen wir an einer arabischen Messe Teil, einem aufwendigen Mittagessen, das sich in zahlreichen Gängen vollzog und 2 Stunden anhielt, und wie immer Gespräche, und Gespräche… Der weitere Wanderweg führte uns zum Chalet, einem steinernen zweigeschossigen mit Haus mit Dachterrasse in freier Wildnis, umgeben von Felsen. Das Haus dient dem Pfarrerehepaar als stiller Rückzugsort. Nach dem Kaffeetrinken wurde die Heimfahrt angetreten.
Sonntag, 30. September, Besuch des Gottesdienstes in der evangelischen Gemeinde
Neben den Pfarrern nahmen noch 10 weitere Personen am Gottesdienst teil. Das Bild der Gemeinde sei nicht vom Gottesdienst, sondern von den wöchentlichen Angeboten der Gemeinde, an denen ca. 400 Personen regelmäßig teilnehmen und von der Sozialarbeit geprägt, so hat uns Pfarrer Weltzien bei unserer ersten Begegnung in der Kirche wissen lassen. Danach versammeln sich die Besucher zum Kaffeetrinken, und zum, sie erraten es schon, zum Gespräch. Im Gespräch vollzieht sich heute etwas Neues, es geht nicht über Religion und Politik und deren unheilige Allianz hier im Lande. Es geht um ganz praktische Dinge, um die Ausrichtung des Adventbasars am 01.12. und es wird eine Bitte an uns gerichtet: Unsere Familienangehörigen, die im Oktober nach Beirut kommen, mögen Pfeffernüsse, Dominosteine und farbige Lakritze mitbringen. Weiter wird erklärt, dass das Gelingen des Basars zum einem vom Angebot, eben auch von den „süßen Lokomotiven“, die noch vom Vorbereitungsteam noch aus den einzelnen Teilen hergestellt werden müssen und zum anderen von dem Einsatzwillen der Pfarrer abhängt.
Euer/ Ihr Rolf Ringleb